Dr. Oscar Schneider: Zum 85.

von André Freud:

Manche Menschen sind für die Politik wie gemacht. Andere scheinen für diese Tätigkeit auf den ersten Blick nicht geeignet zu sein. Ein solcher Mensch ist Oscar Schneider. Feingeist, Intellektueller, ein Mann von Prinzipien – und doch ein erfolgreicher Politiker.

Meine erste Begegnung mit diesem großen, alten Herrn der Nürnberger CSU liegt gut 30 Jahre zurück; sie hat mein Bild von ihm bis heute geprägt. Ich war zu Gast bei einer Veranstaltung der Jungen Union, die damals oft im Wöhrder „Meisterlein“ tagte. Oscar Schneider war als Ehrengast angekündigt. Vorm Eintreffen Schneiders standen wir herum; einer der JUler, dessen Namen ich aus Diskretions- und Datenschutzgründen nicht preisgebe, regte sich lautstark darüber auf, daß wir am Melanchthon diesen „schlimmen Kommunisten“ lesen müßten, den Bert Brecht. Da kam leise, ohne Aufhebens, Schneider herein und hörte sich das kurz an. Dann nahm er sich den jungen Mann vor und setzte ihm den Kopf zurecht. Man könne, ja: man müsse Brecht politisch natürlich ablehnen – man beginge aber einen großen, einen grundsätzlichen Fehler, wenn man die Ablehnung des Politikers Brecht auf den Schriftsteller Brecht übertragen würde. Brecht sei einer der ganz Großen, und diese Größe sei eben unabhängig von politischen Einstellungen. Und dann rezitierte Schneider auswendig und minutenlang Verse von Brecht und zeigte damit, daß er Recht hatte. Mir selbst gefiel die Brecht’sche Lektüre übrigens auch nicht so besonders, aber darum ging es ja nicht. Es ging darum, daß Oscar Schneider in dieser an sich ganz banalen Situation uns allen eine Lektion in Sachen Grundwerte und Libertas Bavariae erteilte, die mir bis heute lebhaft in Erinnerung ist. Gerade wenn und weil man ein gefestigtes Weltbild hat, ist es enorm wichtig, für andere Gedanken offen zu bleiben. Und es ist wichtig, im Streit der politischen Meinungen zwar eine andere Meinung abzulehnen, aber nicht den Menschen abzulehnen, der anderer Meinung ist. In einer Partei besteht immer ein wenig das Risiko, daß man sich vor lauter gegenseitiger Bestätigung über das eigene Weltbild abschottet, daß man anderes nicht mehr richtig wahrnimmt, daß man auf eine gewisse Weise geistig austrocknet. Schneider hat gezeigt, daß es anders geht, ja: gehen muß. Gerade dann, wenn man eine politische Weltsicht vertritt, muß man diese stets und aufs Neue durch geistige Auseinandersetzung mit anderen überprüfen, gelegentlich etwas korrigieren, gelegentlich sich bestätigt fühlen. Oscar Schneider ist einer jener Menschen, die das tatsächlich tun, und dafür gebührt ihm Respekt. Und, ganz nebenbei, spricht es für die CSU, daß in ihr solche Menschen zu Amt und Würden kommen.

Die anderen beiden Herren auf dem Bild sind Politiker anderen Zuschnitts. Und auch das ist gut und richtig, denn eben so, wie Oscar Schneider ein hervorragender Bundesbauminister und für dieses Amt der Richtige war, so ist Markus Söder der richtige Mann fürs Finanzministerium – und, wie ihm Horst Seehofer heute anbot, in einer gewissen Zukunft (Seehofer deutete eine Wartezeit von 23 Jahren an) auch für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten. Auch Seehofer ist selbst wieder ein ganz anderer Typ des Politikers, nämlich einer, der segeln kann, wie Schneider feststellte: zwar würde er gelegentlich Wenden und Halsen vollführen, aber das sei eben notwendig, wenn der Wind von vorne komme und man sein Ziel eben nicht direkt, sondern nur kreuzend erreichen könne.

Wieder ein ganz anderer Typ des Politikers ist Peter Ramsauer. Er trug es mit großer Gelassenheit und Würde, als er von Horst Seehofer dafür verspottet wurde, im Stau gestanden zu sein. Für den Bundesverkehrsminister in der Tat ein doppeltes Ärgernis: nicht nur, wegen eines Baustellenstaus zu spät zu kommen, sondern auch nicht durch den Kakao gezogen zu werden. Aber er nahm es, wie man sieht, mit bester Laune und bayerischer Gelassenheit.

So war also bei dieser Ehrung für Söders Vor-Vorgänger im Amt des Bezirksvorsitzenden vieles geboten: Ernstes, Leichtes, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Der namhaften Gäste waren so vieler, daß ich mir und dem geneigten Leser eine Aufählung erspare – sie müßte beinahe zwangsläufig Namen weglassen, die wegzulassen unhöflich wäre, so viele waren gekommen. Eine angemessene Ehrung im Großen Saal des Nürnberger Rathauses zum 85. Geburtstag von Oscar Schneider.

Bilder: Freud

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