Geht’s noch?

von André Freud:

Das ist, man sehe und staune, die stellvertretende Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen. Nebenbei ist sie „Ministerin für Schule und Weiterbildung“. Pardon, aber schon der Titel ist (höflich formuliert) gewöhnungsbedürftig. Ministerin für Weiterbildung! Frau stellvertretende Ministerpräsidentin trägt den Namen Sylvia Löhrmann. Frau Löhrmann war Gesamtschullehrerin und erstellte einen Mädchenförderplan; das waren ihre Erfolge als Pädagoging. Das ist natürlich ziemlicher Kokolores. In der integrierten Gesellschaft brauchen Frauen in Schule und Ausbildung im Allgemeinen keine besondere Förderung mehr, die Gleichberechtigung ist erreicht bzw. übererreicht. In vielen Studiengängen, die früher von Männern dominiert wurden, sind Frauen in deutlicher Mehrheit. Daß sie später im Beruf nicht entsprechend reüssieren, hat viele Gründe – von denen aber nicht alle abgeschafft werden können und sollen, und die nicht in der Schulausbildung begründet sind.

Zurück zu Frau Löhrmann. Womit hat sie denn diese prima Aufmerksamkeit verdient? Damit. Jetzt will die Dame also tatsächlich Geschlechtertrennung im Unterricht einführen! Zurück ins 19. Jahrhundert, ins frühe 20. Jahrhundert? Warum? Darum: „weil Mädchen einen anderen Zugang brauchen“, sagt Löhrmann. Wie ist das zu verstehen? Sagt Frau Löhrmann etwa, daß Mädchen zu doof seien, um normalem Unterricht zu folgen? Ehrlich: ich finde, daß das genau das ist, was Frau Löhrmann sagt. Von einem, erneut höflich formuliert, recht eindimensionalen Verständnis der Welt kündet auch folgender Satz dieser Bildungsfachfrau: „Wenn [die Mädchen] dann wissen, dass das zum Beispiel für Kosmetik interessant ist, haben sie einen eigenen Zugang“. Ich nehme doch mal an, daß die durchschnittliche Schülerin in NRW allen Grund hat, beleidigt zu sein. Es gibt Frauen, die sich auch für Dinge interessieren, die über Kosmetik hinausgehen – auch in NRW.

Wer so denkt, der handelt auch so. Das aber ist nicht gut für ein Land. Wir haben bei uns – noch in geringem Umfange – inzwischen Bestrebungen, Männer und Frauen, Jungs und Mädchen getrennt leben zu lassen. Diese Trennung halten wir für falsch – natürlich auch, wenn sie durch ein Kopftuch visualisiert wird oder wenn Männer sich weigern, Frauen die Hand zu geben. Gibt’s nicht, sagen Sie? Oho! Das gibt es. Es gibt Cafés, in denen man nur Männer sitzen sieht. Und so weiter. Aber darum geht es hier nur am Rande. Worum es geht, das ist dieses absurde Weltbild von Menschen, die bereit sind, die ganze Welt umzubauen, nur damit einem Fetisch entsprochen wird. Anders denn als Fetisch kann man das ja nicht mehr bezeichnen. Wir leben in einer Gesellschaft. Die Mädchen, die später als Frauen ihr Wissen zum Beruf machen, brauchen diese Form der bemutternden Überfürsorglichkeit nicht nur nicht – es schadet ihnen sogar. Denn es ist von Schaden, wenn man unter einer absurden Käseglocke fernab von allen Anforderungen, die das wirkliche Leben stellt, erzogen wird.

Wenn ich solches höre wie dieses Plädoyer für eine verkorkste Gesellschaft von Frau Löhrmann, dann bin ich mal wieder richtig froh, in einem Bundesland zu leben, in dem uns derlei ideologisierter Dummfug nicht droht. Gott mir dir, du Land der Bayern!

Advertisements