Unredliche Pappnasen

von André Freud

Heute sind im den NN Leserbriefe zum Thema „Nürnberger Flughafen“ abgedruckt. Fünfmal steht dort Unfug. In der Zeitung in epischer Breite, hier – zur Schonung Ihrer Nerven – kurz zusammengefaßt: der Nürnberger Flughafen habe nicht genügend Ziele auf dem Flugplan, die örtliche Wirtschaft solle ihn bezahlen, wenn sie ihn wolle, daß die, die ihn für Urlaub nutzen, nur Ökologie-Schädlinge und Schmarotzer seien, daß der Münchner Flughafen von der bösen Staatsregierung zu sehr gepäppelt werden würde. Eine weitere Briefeschreiberin listet detailliert auf, wohin sie in den letzten zehn Jahren reiste; der Erkenntnisgewinn für den Leser hält sich in Grenzen. Angeben ist ja auch etwas schönes.

Nun, diese Argumente sind unsinnig. Das erschließt sich auf den ersten Blick. Wer kritisiert, daß von Nürnberg aus noch zu wenige Flughäfen direkt angeflogen werden können, begeht zwei Irrtümer, wenn er dies gegen den Ausbau unseres Flughafens verwendet. Zum einen begegnet man dem am besten durch den Ausbau des Flughafens – größerer Flughafen, mehr Ziele. Vor allem aber zeigt es, daß diese Briefeschreiber keine Ahnung von der Entwicklung des Flugverkehrs haben. Es ist extrem teuer und unwirtschaftlich, wenn eine Fluggesellschaft versucht, von möglichst vielen Flughäfen möglichst viele Ziele anzusteuern – deswegen setzen sich mehr und mehr die Drehkreuze durch. Sie sind wirtschaftlicher. Nürnberg ist ja, vor allem im Winterhalbjahr, ein Drehkreuz – für AirBerlin. Die Entwicklung ist also kein Argument gegen einen starken Nürnberger Flughafen; hier verwechseln manche die beiden verschiedenen Probleme. Wer kritisiert, daß die Kosten für den Flughafen und erforderliche Investitionen gefälligst von „der örtlichen Wirtschaft“ bezahlt werden sollen, zeigt, daß er in wirtschaftspolitischen Fragen ungefähr so weit denken kann wie ein Erstklässler mit 50 Cent Taschengeld in der Hand, Lust auf ein Eis in sich und dem Eismann vor der Nase. Nicht nur, daß es von beeindruckender geistiger Schlichtheit ist, bei dem einzig relevanten Verkehrsflughafen weit über die Metropolregion hinaus von der „örtlichen“ Wirtschaft zu sprechen, zeigt deutlich, daß hier niemand redlich argumentieren will. Hätte der Briefeschreiber von ganz Nordbayern, Westthüringen, dem östlichen Baden und Südosthessen geschrieben, dann wäre es etwas anderes gewesen. Aber „örtlich“? So verrät man sich. Aber selbst dann, wenn der Herr Briefeschreiber das richtig zueinander ins Verhältnis gesetzt hätte, wäre seine Forderung „die Wirtschaft soll’s bezahlen“ nicht klüger geworden. Es profitiert vom Flughafen natürlich auch der private Mensch. Aber lassen wir das weg, um die Argumentation zu vereinfachen und den Briefeschreiber nicht zu verwirren. Was, wenn nur die Wirtschaft der Metropolregion profitierte? Dann, Herr Zeitgenosse, würden davon alle profitieren, die hier arbeiten, weil die Arbeit von den Unternehmen mit Gehältern bezahlt wird, weil die öffentliche Hand das Geld für ihre Angestellten und Beamten aus Steuern erhält, die von den Unternehmen und den Arbeitnehmern bezahlt werden… Merken Sie ‚was? Keine Wirtschaft – keine Gehälter – keine Renten und Pensionen – kein Hartz IV – gar nix. Von „die Wirtschaft“ zu reden und so zu tun, als sei das irgend etwas anderes als „die Menschen“, ist entweder dümmlich oder aber politisch agitierend und dann bösartig. Am ehesten verrät noch der Briefeschreiber, der den privat Fernreisenden vorwirft, sie seien ökologisch schädlich und sollten gefälligst daheim Urlaub machen: er verrät, daß er ein auf seinen Nabel fixierter, mehrere Todsünden – unter anderem den Neid – begehender, aus unserer Zeit gefallener Misanthrop ist. Warum diese scharfen Worte?

Weil diese Haltung unerträglich ist. Erst verhindert man mit aller Gewalt, daß der TransRapid den Flughafen Franz-Josef Strauß an die Münchner Innenstadt anbindet, und dann wirft man dem Flughafen vor, er sei zu weit draußen. Man wirft den Menschen vor, daß sie reisen. Nun – in keinem Land machen Deutsche mehr Urlaub als in Deutschland. Aber wir sollten froh darüber sein, daß es den meisten von uns möglich ist, ferne Länder zu besuchen und nicht von eben nicht heimatliebenden, sondern heimattümelnden Neidhammeln daran gehindert werden. Man versucht, einen Unterschied zwischen „der Wirtschaft“ einerseits und „den Menschen“ andererseits zu machen – die Wirtschaft würde den Flughafen brauchen, die Menschen würden unter ihm leiden und seien es satt, ihn zu bezahlen – so liest sich das bei diesen weltfremden Propheten.

Aber ach, es ist doch ganz anders. Nürnbergs wirtschaftliches Pfund ist, zusammen mit dem Tourismus, die NürnbergMesse (komische Schreibweise, aber so sind die Zeiten). Beide, Tourismus und Messe, leben ganz massiv von hochwertigen Verkehrsanbindungen. Bei den Touristen sind das meist noch Bus & Bahn, mit denen sie in unsere schöne Stadt kommen – aber wenn der Flughafen weiter ausgebaut und auch einmal ins internationale Netz voll integriert sein wird, dann wird auch der Anteil der Touristen steigen, die direkt per Flugzeug kommen – es würden insgesamt deutlich mehr Touristen werden. Gut für Nürnberg. Und die Messe? Eine Stadt ohne hochklassige Anbindung hat heute als Messestadt zwar eine Art Unterhaltungswert, aber keinerlei Zukunft – oder haben Sie schon mal etwas von der Messestadt Forchheim gehört? Von den Touristen und der Messe leben weitaus mehr Nürnberger, als man zunächst glauben will. Die Menschen, die so tun, als wäre der Flughafen irgendein isoliertes Ding, das man auch nach Belieben ohne Schaden verkleinern könnte, mögen gefälligst zur Kenntnis nehmen: Wirtschaftspolitik ist nicht wie Bauklötze bauen. Man kann nicht einfach einen Klotz entfernen und das andere bleibt dann so stehen wie zuvor. Wirtschaftspolitik ist eher wie das Netzwerk, in dem Computer, Handy, iPad, Drucker, Telefon zusammengeschlossen sind: wer hier jetzt das DSL-Modem entfernt, der hat danach zwar noch einen Computer – der kann aber nicht mehr ins Internet. Die NürnbergMesse würde ohne einen hervorragenden Flughafen keine Messe und keine Messegäste mehr haben. Im Beispiel: Das Handy würde zwar ohne DSL-Router noch funktionieren, aber die Internet-Nutzung würde nach Entfernung des DSL-Modems nicht mehr über WiFi gehen, sondern nur noch direkt, würde also teuer werden. Wenn die Bratwurstküchen nur noch halb so viel verkaufen würden, müßten sie mit den Preisen hoch gehen. Sie könnten nicht mehr so viele Bedienungen beschäftigen – es würde mehr Arbeitslose geben. Die Steuern und Abgaben müßten erhöht werden, um die Arbeitslosen zu nähren. Und am Ende kosten „Drei im Weckla“ beim Behringen eben nicht mehr 2 €, sondern 20 €. Und dann kann er zusperren, weil das niemand mehr bezahlen kann. Nürnberg hat viele Hotelbetten, die dann leerstehen würden. Das ist  – in unserem Beispiel – wie ein Drucker, den man nicht mehr per Funk ansteuern kann. Und daran denken diese Leuchten nicht.

Jede Form der Politik ist komplexer, als Klein-Michel das glaubt. Für einige Politikbereiche gilt das ganz besonders, und am stärksten wohl für die Wirtschaftspolitik. Wer hier meint, daß man große Aspekte völlig isoliert betrachten kann, irrt. Klartext: Wer glaubt, daß man den Flughafen Nürnberg auf Regionalniveau herunterdrücken kann, ohne der Nürnberger Wirtschaft derartig zu schaden, daß wir bald Entwicklungshilfe aus Duisburg bräuchten, der ist entweder so etwas von vollständig ahnungslos, daß er besser geschwiegen hätte, oder er ist durchdrungen von Bösartigkeit. Da ist es schon ganz gut, daß wir mit Michael Fraas einen Wirtschaftsreferenten haben, der tatsächlich weiß, wovon er spricht – und der sich auch nicht durch solches Pappnasengedöns kirre machen läßt.

Die Demokratie erlaubt jedem, mitzureden. Sie erhebt aber auch die Forderung, daß man sich kundig macht, bevor man spricht. Auch wenn jedes Kreuz auf dem Stimmzettel gleich zählt, so sind doch Meinungen, die vor allem von Unwissen und Gefühlen künden, eher emotionale Rülpser und daher nicht ernstzunehmen. Es steht auch jedem gut zu Gesichte, der einmal bekundet: „Von diesem Thema weiß ich nichts, deswegen schweige ich“. Aber wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der Ahnungslosigkeit die Logorrhoe, den Sprechdurchfall, ganz besonders belebt. In den NN wird da offensichtlich quasi alles abgedruckt.

Aber ach, dann kommt doch etwas überraschendes: Nach fünf Leserbriefen vom aufgezeigten intellektuellen Niveau, fernab von jedem relevanten Wissen, kommt ein sechster Leserbrief. Aussagen: Flughafen Nürnberg wächst nicht, weil Nürnbergs Wirtschaft schrumpft, weil es kaum international tätige Unternehmen hier gibt; also müssen Reisende aus „Boomregionen“ wie Ingolstadt oder Regensburg gewonnen werden. Voraussetzung: Top-Anbindung des Flughafens, auch durch die Nordspange. Sehen die Fluggesellschaften, daß Nürnberg in den Flughafen investiert, dann investieren sie auch. Sehen aber die Fluggesellschaften, daß nicht einmal Nürnberg in den Flughafen investiert – ja, warum sollen sie denn mehr Vertrauen in die Perspektive des Flughafens haben als Nürnberg selbst?

OB Maly hat kein Vertrauen. Er will eine Denkpause.

Für Themenfremde: die Nordanbindung des Flughafens war beschlossene Sache. Bezahlen tut’s der Bund in Form des Bundesverkehrsministers Ramsauer. Alles war klar. Und dann kommen Maly und die SPD daher und sagen, ach naja, so eilig haben wir es nicht mit der Nordanbindung, und überhaupt, brauchen wir die denn wirkliche, und vielleicht sollten wir doch lieber eine Denkpause… Ein Schelm, wer böses dabei denkt, daß die Familie zweier langgedienter SPD-Politiker im Umfeld der zu erwartenden Baustelle wohnt… Ein Schelm! Niemals würde einer dieser wackeren Haudegen sein Wohl (in Form des Unbelästigtbleibens von einer Baustelle) über das Wohl der Stadt stellen. I wo!

Man hat zwar nicht den Eindruck, daß in gewissen Stuben im Rathaus sonderlich viel gedacht werden würde, aber bitte, man ist ja freundlich – warum sollte man keine Denkpausen gewähren? Aber ach, dann erkennt man: unter Denkpausen verstehen Maly und seine Jubelnürnberger von der SPD: das sind Pausen vom Denken, die man da haben will. Verstehe ich aber nicht. Hatte man die nicht schon reichlich?

Werte NN, ich wußte gar nicht, daß Ihr für den Montag solche Späße vorbereitet. Erst liest man sich durch die Zeilen, quält sich angesichts der Dünnbrettbohrer, die mit der Wirtschaftspolitik eines fränkischen Marktfleckens überfordert wären, aber sich anmaßen, ihr unausgegorenes Zeug als Leitfaden für die Metropolregion anzupreisen – und dann laßt Ihr auf einmal einen vernünftigen Menschen zu Wort kommen. Was habt Ihr Euch denn dabei gedacht?

Bild: André Freud

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